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Wie sicher ist Marrakesch als Reiseziel zurzeit?

Mittwoch, Februar 23rd, 2011

Angesichts der politischen Umwälzungen in Tunesien und Ägypten, ganz zu schweigen vom schockierend brutalen Vorgehen gegen Demonstranten in Bahrain und Libyen, liegt es durchaus nahe, die Sicherheit anderer touristischer Reiseziele in der arabischen und islamischen Welt – wie beispielsweise Marokko – infrage zu stellen.

Auch wenn es vermessen wäre, das Ergebnis der Proteste vorherzusagen, die die Region derzeit erfassen, muss betont werden, dass Marokko zwar keineswegs völlig immun gegen die jüngsten Ereignisse ist, sich aber doch in einer völlig anderen Position befindet als Länder im Nahen Osten und anderen Teilen Nordafrikas, von denen es geografisch und politisch weit entfernt ist.

Marokko ist kein Ölstaat, sondern floriert dank des Tourismus und seiner Exportwirtschaft. Die Gesellschaft ist soziologisch und ökonomisch gerechter als in den Staaten, die in den jüngsten Wochen die Schlagzeilen dominierten – nicht zuletzt, weil Marokko wesentlich demokratischer regiert wird als die meisten islamischen Länder, v. a. die Golfstaaten und Diktaturen in anderen Teilen Nordafrikas.

Unterstrichen wird dies durch die Tatsache, dass Marokko eine unabhängige Demokratie mit parlamentarischem System ist. Der junge König Mohammed VI. tut sein Möglichstes, um die Wirtschaft anzukurbeln, und genießt großen Respekt für seine Bemühungen im Kampf gegen die Korruption. Trotz der relativen Armut vieler Menschen, vor allem in ländlichen Gebieten, ist das durchschnittliche Haushaltseinkommen deutlich höher als z. B. in Ägypten, wo viele Millionen von rund 1 € [U1] pro Tag überleben müssen. Die marokkanische Bevölkerung hegt daher auch wesentlich weniger Groll gegenüber ihrer Regierung als die Menschen in Ländern wie Ägypten, Jemen und natürlich Libyen.

Dennoch fanden im März und April mehrere friedliche und größtenteils rücksichtsvolle Demonstrationen in der Hauptstadt Rabat und in Casablanca statt, inspiriert von der Protestwelle in der arabischen Welt, die von Fernsehen und Internet blitzschnelle übertragen wurde (obgleich die marokkanische Bevölkerung zu mehr als der Hälfte berberischer Abstammung ist, nicht arabischer).

Selbst im relativ wohlhabenden Marrakesch, das stark vom Tourismus profitiert, fanden ein paar kleinere Kundgebungen für Verfassungsreformen statt; der Weg in die Kasbah, Standort des Königspalastes und unseres Hotels, blieb den Demonstranten jedoch verwehrt. Im Februar und im April rief König Mohammed, der anders als die meisten anderen Staatschefs in der arabischen Welt in der Bevölkerung große Achtung genießt, als Reaktion auf die Demonstrationen zur Ruhe auf – eine Maßnahme, die offenbar den gewünschten Erfolg hatte.

Bisher ist in Marokko niemand von Sicherheitskräften verletzt oder gar getötet worden, fast überall ist die Lage ruhig – ganz im Gegensatz zu anderen arabischen oder muslimischen Ländern, die die Fernsehnachrichten dominieren. Die Gäste in unserem luxuriösen Hotel in Marrakesch, Les Borjs de la Kasbah, genießen weiterhin ihren Urlaub und sagen uns, dass sie sich von den aktuellen politischen Unruhen in der arabischen Welt in keiner Weise stärker bedroht fühlen als zuhause in europäischen Städten, in denen Demonstrationen ja auch nicht gerade unbekannt sind!


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